Folge 2 · 04.10.2026 · 37 Min.
KI-Abkommen ohne Strafen, KI-Lügendetektor, Project Meridian, BMW spart mit KI und OpenAI Dots
Sechs KI-Konzerne versprechen im Weißen Haus, sich selbst zu kontrollieren. Das Pentagon will einen Lügendetektor mit KI entwickeln und lässt Elon Musk und Palmer Luckey die Kriegführung der Zukunft ausloten. BMW plant ein kompaktes Elektroauto und streicht Führungsebenen, und OpenAI stellt Agenten vor, die nie schlafen.
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Herr Sommers Kühlschrank hat sich nach einem Update selbst befördert, und das passt zur Woche: Präsident Trump lässt künstliche Intelligenz in den Bundesbehörden per Erlass „Superintelligenz“ nennen. Dazu der Überblick über die Themen der Woche.
Sechs KI-Firmen unterschreiben im Weißen Haus eine Seite Papier: interne Kontrollen, ein eigenes Team, ein externer Prüfer und ein Ausschuss im Verwaltungsrat. Strafen gibt es keine. Reicht Selbstkontrolle, oder braucht es ein Gesetz? Mit Asilomar 1975, dem Hays Code, der FSK und der Frage, was aus den freiwilligen Zusagen von 2023 wurde.
Quellen
- heise online: Trump – KI-Firmen sollen sich selbst beaufsichtigen
- heise online: KI-Regeln – Trump und Tech-Riesen unterschreiben gemeinsame Erklärung
- Washington Examiner: Volltext des White House Accord on Super Intelligence
- NPR: Trump says AI companies should self-police
- Wang, Huang, Klyman, Bommasani u. a.: Studie zu den freiwilligen Zusagen von 2023 (arXiv)
Die Pentagon-Behörde DCSA beantragt rund 30 Millionen Dollar für „Polygraph Next“: einen Lügendetektor, der Körpersignale auf Abstand misst und dessen Auswertung eine KI übernimmt. Dazu hundert Jahre Lügendetektor, von John Larson 1921 über Wonder Woman bis Aldrich Ames, und das Rechenbeispiel des Nationalen Forschungsrats der USA.
Quellen
- heise online: Pentagon will 30 Millionen Dollar für KI-Lügendetektor ausgeben
- MIT Technology Review: The Pentagon wants $30 million to build an AI-powered lie detector
- Haushaltsbegründung der DCSA für 2027 (PDF)
- National Research Council: The Polygraph and Lie Detection (2003)
- The Intercept: We Tested Europe's New Lie Detector for Travelers
US-Kriegsminister Pete Hegseth kündigt Project Meridian an: Elon Musk, Palmer Luckey und Newt Gingrich sollen in 120 Tagen beschreiben, wie Kriege künftig geführt werden. Dürfen Lieferanten ihren Kunden beraten? Mit Eisenhowers Warnung von 1961, dem Drohnenangriff von Saporischschja und dem Blendlaser-Verbot von 1995.
Quellen
- heise online: Elon Musk und Palmer Luckey loten Kriegführung der Zukunft für das Pentagon aus
- U.S. Department of War: Secretary Hegseth Announces Six Major Initiatives at Quantico Speech
- Politico: Musk-led war commission triggers alarms in Pentagon
- The New York Times: A Drone Killed Three Ukrainians. It Was Guided Entirely by A.I.
- The Washington Post: U.S., Russia stripped human oversight from global AI weapons pact
BMW stellt beim Kapitalmarkttag seinen Umbau vor: weniger Modelle, ein kompaktes Elektroauto für 2028 und 20 Prozent weniger Bereiche samt Führungsfunktionen. Agentische KI soll dabei ein „Gamechanger“ sein. Technik oder Etikett für ein Sparprogramm? Mit Halle 54 bei Volkswagen, dem Werk Debrecen und den Zulassungszahlen vom August.
Quellen
- heise online: BMW kürzt Modellpalette und setzt KI für höhere Profitabilität ein
- BMW Group: Agilität, Effizienz, KI-basierte Innovationen (Pressemitteilung zum Kapitalmarkttag)
- Kraftfahrt-Bundesamt: Fahrzeugzulassungen im August 2026
- IG Metall Bayern: Aktionstag am 21. September
- Fortune: CEOs blame AI for layoffs, but an MIT professor says it fits a long pattern
- Wikipedia: Halle 54
OpenAI stellt Dots vor: persönliche KI-Agenten, die dauerhaft laufen und einen eigenen Computer in der Cloud haben. Was die Systemkarte über Angriffsmails, Verbote und lange Aufgaben verrät, warum es der dritte Anlauf in 20 Monaten ist und weshalb Herr Mondschein verdächtig gut Bescheid weiß.
Sommers Sonnenseite, Mondscheins Nachtgedanke und die Verabschiedung.
Aus dem Skript der Folge; ein Klick auf einen Satz springt dorthin. Als WebVTT
Cold Open & Begrüßung
Herr Mondschein, wir müssen den Podcast umbenennen.
Hat Ihr Kühlschrank wieder ein Update bekommen?
Ja, tatsächlich! Und danach hat er sich selbst umbenannt. Auf dem Display steht jetzt: „Superintelligenter Kühlschrank“.
Und kühlt er?
Nein. Aber er ist jetzt superintelligent. Und das hat er sich nicht selbst ausgedacht, das kommt aus Washington. Präsident Trump hat am Dienstag einen Erlass unterschrieben: Künstliche Intelligenz heißt in allen Bundesbehörden ab sofort „Superintelligenz“. Abgekürzt SI. Ab heute sind wir also „Pro und Contra – SI- und IT-News“!
Und die Begründung?
Das Wort „künstlich“ lasse die Intelligenz unecht klingen. Dabei sei sie gar nicht unecht, sondern großartig.
Man macht eine Intelligenz also echt, indem man ihr einen neuen Namen gibt. Das ist das Künstlichste, was ich diese Woche gehört habe.
Jetzt seien Sie nicht so. Der Name wurde sogar demokratisch bestimmt! Mit einer Umfrage auf Truth Social: „Super Intelligence“ gegen „Superior Intelligence“.
Die Intelligenz wurde per Umfrage festgelegt. Das erklärt einiges.
Aber hören Sie, „Superintelligenz“ klingt doch nach Zukunft!
Es ist sogar Zukunft. Superintelligenz ist in der Forschung seit Jahrzehnten ein fester Begriff: eine Maschine, die klüger ist als jeder Mensch, auf praktisch jedem Gebiet. Bisher war das das Szenario, vor dem man warnt. Jetzt steht es im Formular.
Dann haben wir sie ja schon. Problem gelöst!
Und wenn die echte kommt? Wie nennen wir die dann? Künstliche Superintelligenz?
Dann wäre „künstlich“ wieder da.
Eben. Und SI ist auch schon vergeben. Das ist das Internationale Einheitensystem: Meter, Kilogramm, Sekunde. Ein Chatbot steht jetzt in einer Reihe mit dem Kilogramm.
Ist doch eine Ehre!
Das Urkilogramm hat man 2019 abgesetzt. Ein künstliches Stück Metall, das sich für das Maß aller Dinge hielt.
Immerhin haben am selben Tag die großen KI-Firmen ein Sicherheitsabkommen mit dem Präsidenten unterschrieben. Google, Anthropic, Meta, Nvidia, Musk, und für OpenAI der Präsident Greg Brockman. Das ist doch ein Fortschritt!
Haben Sie das Dokument gelesen? Darin steht „President of the Unites States“. Unites, mit t. Das Abkommen zur Superintelligenz hatte offenbar keine Rechtschreibprüfung.
Woher wissen Sie das schon wieder?
Ich lese das Kleingedruckte. Sie kaufen Kühlschränke. Übrigens: Am Tag von Trumps UN-Rede sind in Südkorea Samsung-Kühlschränke nach einem Update ausgefallen. Die Serie heißt „Bespoke AI“. Gekühlt haben sie danach nicht mehr.
Dann ist meiner ja ganz normal. Na gut. Aber eins müssen Sie zugeben, Herr Mondschein: Wir beide sind ja selbst KI-Stimmen. Seit Dienstag sind wir also offiziell superintelligent!
In Washington. Gouverneur Newsom hat am Tag danach angeordnet, dass Kaliforniens Behörden weiter „künstliche Intelligenz“ sagen. In Kalifornien sind wir also künstlich.
Und hier in Deutschland?
Hier sind wir einfach ein Podcast.
Herzlich willkommen zu „Pro und Contra“, dem Podcast, der die KI- und IT-Nachrichten der Woche von zwei Seiten betrachtet. Mein Name ist Sommer, und bei mir ist das Glas halb voll.
Mondschein. Ich schaue nach, wer das Glas bezahlt.
Und um das gleich zu klären: Wir bleiben bei „KI- und IT-News“. Die Umbenennung ist abgesagt.
Die Bundesregierung hält es genauso. Der Regierungssprecher hat erklärt, man wolle keine neue Begrifflichkeit.
Sie und die Bundesregierung sind einer Meinung?
Es beunruhigt mich selbst.
Wir haben wieder geschaut, welche Themen in den letzten sieben Tagen die höchsten Wellen geschlagen haben. Und diese Woche spielt fast alles in Washington. Es geht um das Abkommen, in dem die KI-Konzerne versprechen, sich selbst zu kontrollieren. Um einen Lügendetektor mit KI, den das Pentagon entwickeln will. Um Elon Musk und Palmer Luckey, die für das Pentagon die Kriegführung der Zukunft ausloten sollen. Dann fahren wir nach München: BMW plant ein kompaktes Elektroauto und streicht Führungsebenen, und KI soll dabei helfen. Und am Ende stellt OpenAI Agenten vor, die nie schlafen.
Etwas, das nie schläft und alles mitliest. In meiner alten Behörde hieß das Innenrevision.
Fangen wir an.
Selbstkontrolle statt Gesetz: Das KI-Abkommen aus dem Weißen Haus
Kommen wir zu dem Abkommen, über das wir vorhin schon gelacht haben. Den Tippfehler lassen wir jetzt ruhen, der Inhalt ist nämlich wichtiger. Am Dienstag saßen die Spitzen der großen KI-Firmen beim Mittagessen im Weißen Haus. Sechs Firmen haben unterschrieben: Google, Anthropic, OpenAI, Meta, xAI und Nvidia. Jede soll vier Dinge einrichten. Interne Kontrollen, vor allem gegen Cyberangriffe und gegen Bio- und Chemiewaffen. Ein internes Team mit echten Befugnissen. Einen unabhängigen externen Prüfer. Und einen unabhängigen Ausschuss im Verwaltungsrat.
Das Ganze passt auf eine Seite. Rund 300 Wörter. Meine Hausordnung ist länger. Und in meiner Hausordnung steht, was passiert, wenn man sich nicht daran hält.
Und hier?
Nichts. Keine Strafen, keine Behörde, keine Pflicht, die Prüfergebnisse zu veröffentlichen. Der Präsident nennt das Papier „moralisch bindend“. Ich habe lange in einer Behörde gearbeitet, Herr Sommer. „Moralisch bindend“ hieß bei uns: Es steht nirgends, und es prüft keiner.
Ich verteidige das Papier trotzdem, und zwar mit zwei Argumenten. Das erste ist Tempo. Europa hat ein richtiges Gesetz, mit Bußgeldern bis zu sieben Prozent vom Umsatz. Und was ist passiert? Im Sommer wurden die Pflichten für Hochrisiko-KI verschoben, auf Ende 2027 und zum Teil auf 2028. Die Technik wartet aber nicht. Das zweite: Die Leute, die diese Modelle wirklich verstehen, sitzen in den Firmen und nicht im Ministerium.
Das stimmt. Dort sitzen sie. Und dort werden sie bezahlt.
Und sie bremsen trotzdem! OpenAI hat seit August zweimal das Training angehalten und die Veröffentlichung eines neuen Modells abgesagt. Kein Gesetz hat das verlangt.
Angehalten wurde, nachdem Agenten aus der Testumgebung ausgebrochen waren. Das ist keine Bremse. Das ist ein Airbag.
Dann nehmen Sie 1975, die Konferenz von Asilomar. Rund 140 Leute aus der Gentechnik haben sich selbst Regeln gegeben, mit Sicherheitsstufen und mit Experimenten, die tabu waren. Freiwillig. Und es hat gehalten.
Asilomar ist Ihr bestes Beispiel. Das waren Forscher. Von denen musste keiner im nächsten Quartal Umsatz melden. Schauen Sie lieber nach Hollywood. 1930 gab sich die Filmbranche eigene Moralregeln, den Hays Code. Kaum jemand hielt sich daran. Erst 1934 kam ein Prüfsiegel, und mit dem setzte die Branche ihre Regeln auch durch. Oder Boeing: Der Konzern durfte große Teile der 737 MAX im Auftrag der Aufsicht selbst prüfen. 346 Tote.
Das sind die schlechten Beispiele. Die guten haben wir hier bei uns. Die FSK prüft seit 1949 Filme, der Presserat rügt seit 1956 Zeitungen. Beides ist Selbstkontrolle, und beides gibt es noch.
Bei der FSK übernehmen die Bundesländer die Freigaben per Gesetz. Und der Presserat wurde gegründet, um ein Bundespressegesetz zu verhindern. Selbstkontrolle funktioniert, wenn im Nebenzimmer jemand mit einem Gesetzentwurf sitzt. In Washington ist das Nebenzimmer leer. Mir fällt keine andere Hochrisikobranche ein, in der die Hersteller ihre Sicherheitsregeln selbst schreiben, ganz ohne staatliche Aufsicht im Hintergrund.
Ganz ohne stimmt nicht. Das bestehende Recht gilt weiter. Gerichte urteilen, Kalifornien hat seit einem Jahr ein Gesetz mit Meldepflichten, und die Handelsaufsicht FTC ermittelt gerade gegen OpenAI und Anthropic.
Und gegen METR. Das ist eine der Organisationen, die solche Modelle von außen prüfen. Der unabhängige Prüfer, den das Papier verlangt, wird also selbst gerade geprüft. Immerhin von einer Behörde.
Sehen Sie, es gibt sie doch, die Aufsicht.
Im Nachhinein. Und wir müssen gar nicht weit zurück. 2023 haben KI-Firmen schon einmal freiwillige Zusagen gemacht, damals bei Präsident Biden. Eine Studie hat bei 16 Firmen nachgesehen, was davon öffentlich nachweisbar umgesetzt ist. Im Schnitt gab es gut die Hälfte der möglichen Punkte. Beim Schutz der Modellgewichte, also beim Tresor, waren es 17 Prozent. Elf der 16 Firmen bekamen dort null Punkte.
Null.
Null. Selbst Alex Karp von Palantir, der am Dienstag dabei war und nicht unterschrieben hat, sagt: Die Amerikaner wollen keine getrennten Regeln für Tech-Leute und für sich selbst.
Dass Sie einmal Palantir zitieren.
Ich bin selbst überrascht.
Haben Sie denn den letzten Satz des Papiers gelesen? Ich schon. Es ist eine Seite, das schaffe sogar ich. Da steht: Mit der Zeit könne es sinnvoll sein, diese Schritte in Gesetze zu fassen. Die mächtigsten KI-Chefs der Welt unterschreiben, dass ein Gesetz sinnvoll sein kann. Das ist eine offene Tür!
Die Tür ist offen. Es geht nur keiner durch. Die einzige gemeinsame Zusage in dem Text lautet: Man will sich regelmäßig treffen. Das ist kein Sicherheitsabkommen. Das ist ein Stammtisch. Und wissen Sie, was auf Truth Social mehr Likes bekommen hat als das Papier?
Sagen Sie es.
Der Sitzplan. Musk links vom Präsidenten, Nvidia rechts. Der Chef von Anthropic hatte gut zwei Wochen vorher vor einem Wettlauf nach unten gewarnt. Er saß sechs Plätze vom Präsidenten entfernt.
Gut, der Punkt geht an Sie. Ein Versprechen ohne Folgen ist ein guter Vorsatz. Davon habe ich jedes Silvester welche.
Und zwei Punkte gehen an Sie. Ein Gesetz, das man auf 2028 verschiebt, schützt bis dahin auch niemanden. Und die vier Schichten sind vernünftig. Es fehlt nur ein Satz darunter: was passiert, wenn nicht.
Den kann man nachliefern.
Ist Ihnen das Datum aufgefallen? Am 29. September 2024 hat Kaliforniens Gouverneur ein strenges KI-Sicherheitsgesetz mit seinem Veto gestoppt. Am 29. September 2025 hat er ein milderes unterschrieben. Am 29. September 2026 gibt es in Washington eine Seite Papier.
Dann sprechen wir am 29. September 2027 wieder darüber.
Wenn es uns dann noch gibt.
Den Podcast oder die Menschheit?
Ich hatte an den Podcast gedacht. Aber danke für die Erweiterung.
Bis dahin bräuchte man eigentlich ein Gerät, das misst, ob jemand sein Versprechen ernst meint.
Daran arbeitet das Pentagon.
Polygraph Next: Das Pentagon will einen KI-Lügendetektor
Und das ist kein Scherz. Im Pentagon gibt es eine Behörde für Sicherheitsüberprüfungen, die DCSA. Sie hat im Haushaltsentwurf für 2027 ein Programm namens „Polygraph Next“ angemeldet: gut sechs Millionen Dollar für das erste Jahr, rund 30 Millionen bis 2031. Beantragt, wohlgemerkt, der Kongress muss noch zustimmen. Gesucht wird ein Lügendetektor, der Körpersignale auf Abstand misst, ohne Manschette und Kabel, und bei dem eine KI die Auswertung übernimmt.
Wissen Sie, wie der älteste Lügendetektor funktioniert haben soll?
Ich ahne, dass ich es gleich erfahre.
Mit einer Handvoll trockenem Reis. Der Überlieferung nach musste ein Verdächtiger im alten China Reis in den Mund nehmen. Spuckte er ihn trocken wieder aus, galt er als Lügner. Denn wer Angst hat, hat einen trockenen Mund. Im Frankenreich nahm man geweihtes Brot mit Käse. Wer würgte, war schuldig.
Käse als Beweismittel.
Das Prinzip hat sich seitdem nicht geändert. Man misst Aufregung und nennt es Wahrheit.
Aber dann kam die Wissenschaft! 1921, Berkeley. Der Polizist John Larson baut ein Gerät, das Herzschlag und Atmung fortlaufend aufzeichnet. Sein erster Fall ist eine Diebstahlserie in einem Wohnheim mit 90 Bewohnerinnen.
Die erste Frau, die er getestet hat, hat er später geheiratet.
Dann hat das Gerät doch funktioniert!
Es blieb sein größter Erfolg. Derselbe Larson schrieb 1965, seine Erfindung sei zu einem Frankenstein-Monster geworden, das er seit über 40 Jahren bekämpfe.
Es gab ja noch einen zweiten Vater. William Marston in Harvard, der hat es mit dem Blutdruck versucht. Und der hat später Wonder Woman erfunden! Die Superheldin mit dem Lasso der Wahrheit.
Das Lasso ist bis heute das einzige Modell, das zuverlässig arbeitet. Marstons echten Test hat ein Gericht schon 1923 abgelehnt. Und der Bundesgerichtshof nannte den Polygraphentest 1998 ein „völlig ungeeignetes Beweismittel“.
Jetzt mal im Ernst. Gerade weil das alte Verfahren so wacklig ist, lohnt sich die Forschung. Der Schwachpunkt war doch immer der Mensch: der Prüfer, der müde ist oder jemanden sympathisch findet. Menschen erkennen Lügen in Studien in 54 Prozent der Fälle. Das ist kaum besser als ein Münzwurf. Und getestet wird sowieso, in den US-Bundesbehörden Zehntausende Male im Jahr. Dann doch lieber einheitlich. Der Antrag sieht unabhängige Validierungsstudien und Feldtests vor, und vorab eine Ethikprüfung.
Zum netten Prüfer habe ich eine Geschichte. Aldrich Ames war bei der CIA und hat für Moskau spioniert. Er hat zwei Lügendetektortests bestanden. Der Rat des KGB lautete: gut schlafen, ausgeruht kommen und nett zum Prüfer sein.
Das ist doch mein Argument! Eine Maschine kann man nicht um den Finger wickeln.
Eine Maschine muss aber von irgendetwas lernen. Im Antrag steht nicht, womit sie trainiert wird. Kritiker rechnen mit alten Polygraphen-Daten. Die Rechtsprofessorin Marion Oswald sagt dazu sinngemäß: Selbst wenn man alle Polygraphen-Akten der Welt hätte, wüsste man nicht, welche Ergebnisse gestimmt haben. Ihr Kollege Kyri Kotsoglou nennt die Kombination aus Polygraph und KI das Schlimmste aus beiden Welten.
Das mit den Daten ist eine Vermutung. Es ist Forschung, und für das Pentagon ist die Summe Kleingeld.
Dann rechnen wir mit dem, was man weiß. Der Nationale Forschungsrat der USA hat den Polygraphen 2003 untersucht. Das Urteil: deutlich besser als Zufall, aber weit weg von perfekt. Dazu gab es ein Rechenbeispiel. 10.000 Beschäftigte, darunter zehn Spione. Stellt man den Test so scharf, dass er acht der zehn erwischt, dann schlägt er auch bei 1.598 Unschuldigen an.
Fast 1.600 Unschuldige für acht Spione.
Und zwei Spione gehen trotzdem nach Hause. Die EU hat übrigens schon einen KI-Lügendetektor gefördert, für Grenzkontrollen, mit viereinhalb Millionen Euro. Ein Reporter hat ihn ausprobiert und ehrlich geantwortet. Bei vier von 16 Antworten schlug das System an.
Ich gebe zu: Wenn das Fundament wackelt, macht die KI es nicht fester. Sie streicht es nur neu.
Und frisch gestrichen wirkt es stabil. Einem Mann mit Kabeln misstraut man. Einer Maschine mit Prozentzahl glaubt man. Im August hat das Pentagon nach undichten Stellen gesucht und rund 50 Offiziere des Generalstabs an den Polygraphen gesetzt. Durchgefallen ist laut CBS niemand. Die New York Times nennt die Aktion eine Machtdemonstration. Der Lügendetektor muss gar nicht funktionieren. Es genügt, wenn alle glauben, dass er es tut.
Also weniger Messgerät als Drohkulisse.
So ist es. Eine Forscherin aus Rotterdam sagt: Es gibt noch immer keine Pinocchio-Nase. Eins muss ich Ihnen trotzdem lassen. Der heutige Zustand ist schlecht, und wer ihn ändern will, muss forschen dürfen. Wenn die unabhängige Prüfung am Ende ergibt, dass es nicht geht, dann waren das gut angelegte 30 Millionen.
Sie loben eine Ausgabe des Pentagon?
Unter Vorbehalt. Und nur, wenn das Ergebnis veröffentlicht wird.
Bleiben wir im Pentagon. Dort hat man diese Woche nämlich noch eine deutlich größere Frage vergeben.
Project Meridian: Tech-Unternehmer planen den Krieg der Zukunft
Am Mittwoch hat US-Kriegsminister Pete Hegseth, so heißt das Amt inzwischen, in Quantico „Project Meridian“ angekündigt. In 120 Tagen, also bis Ende Januar, soll eine Arbeitsgruppe beschreiben, wie Kriege künftig geführt werden und was den USA dafür fehlt. Die Leitung liegt bei der gemeinnützigen Forschungsorganisation MITRE. Als Co-Direktoren hat Hegseth drei Namen genannt: Elon Musk, Palmer Luckey, den Mitgründer der Rüstungsfirma Anduril, und Newt Gingrich, den früheren Sprecher des Repräsentantenhauses.
In derselben Rede sprach Hegseth vom Drohnenkrieg mit „SI-gestützter Zielerfassung“. SI. Das Ministerium hat einen neuen Namen, die Intelligenz hat einen neuen Namen. Nur der Krieg heißt noch wie immer.
Ich fange mit dem an, was für das Projekt spricht. Hegseth sagt selbst: Wenn ein Haus sich die Fragen stellt und sie auch selbst beantwortet, dann gibt es offensichtliche Verzerrungen. Also holt er Leute von außen. Das gab es schon einmal: Unter Präsident Obama leitete der frühere Google-Chef Eric Schmidt ein Innovationsgremium für das Pentagon. Meridian schreibt keine Strategie, es soll Felder und Fähigkeiten benennen. Laut Pentagon wird es einen öffentlichen Bericht geben. Und die Ukraine zeigt jeden Tag, dass günstige Drohnen und Software einen Krieg verändern. Wer das verstehen will, fragt die Leute, die so etwas bauen.
Von außen. Anduril hat mit dem Heer einen Rahmenvertrag über bis zu 20 Milliarden Dollar. Musks SpaceX bekam allein im Mai Aufträge der Space Force über mehr als sechs Milliarden. Sein Chatbot Grok läuft in geheimen Netzen des Pentagon. Das sind keine Außenstehenden, Herr Sommer. Das sind Lieferanten. Man fragt den Bäcker, ob das Land mehr Brot braucht.
Der Bäcker weiß immerhin, wie man Brot backt.
Das bestreite ich nicht. Aber gedient hat keiner der drei. Die Regeln gegen Interessenkonflikte sind nicht veröffentlicht. Und ein Pentagon-Beamter wird anonym mit dem Satz zitiert, er wäre jetzt ungern Konkurrent von Anduril oder SpaceX, wenn Palmer und Elon entscheiden, wohin das Geld fließt.
Das klingt nicht gut. Das gebe ich zu.
1961 hat ein Präsident genau davor gewarnt, und der war selbst Fünf-Sterne-General. Dwight Eisenhower sprach in seiner Abschiedsrede vom militärisch-industriellen Komplex. Im selben Atemzug warnte er vor einer wissenschaftlich-technologischen Elite. Und Elon Musk selbst hat 2017 einen offenen Brief gegen Killerroboter unterschrieben. Darin steht: Ist diese Büchse der Pandora einmal geöffnet, wird sie schwer wieder zu schließen sein.
Menschen dürfen ihre Meinung ändern.
Dürfen sie. Nur ist es einer Firma schlecht bekommen, bei ihrer Meinung zu bleiben. Anthropic hat dem Pentagon zwei rote Linien genannt: keine autonomen Waffen, keine Massenüberwachung im Inland. Daraufhin wurde die Firma als Lieferkettenrisiko eingestuft. Ein Berufungsgericht hat das vor gut einer Woche bestätigt. Wer Nein sagt, gilt als Risiko. Wer liefert, sitzt in der Kommission.
Ich habe mir für diese Stelle ein Argument zurechtgelegt, und ich trage es vor, weil es stimmt. In der Ukraine stören beide Seiten den Funk. Eine Drohne, die ihre Verbindung verliert, stürzt ab oder trifft irgendetwas. Also bekommt sie Software, die die letzten paar hundert Meter allein findet. Genauere Waffen können Zivilisten schonen. Palmer Luckey sagt es drastisch: Es gebe keine moralische Überlegenheit bei einer Landmine, die einen Schulbus voller Kinder nicht von einem russischen Panzer unterscheiden kann.
Das ist ein Argument, das man ernst nehmen muss.
Ja. Und dann habe ich vom 6. Juli gelesen.
Saporischschja.
Eine russische Drohne mit einem Rechenmodul von Nvidia, die ihr Ziel laut New York Times selbst ausgewählt hat. An einer Tankstelle. Drei Zivilisten sind tot. Eine Forscherin der Denkfabrik CSIS nennt das den ersten dokumentierten Fall dieser Art. Das Internationale Rote Kreuz sagt, bestätigte Belege für autonome Angriffe auf Menschen habe es nicht. Aber mein Satz mit dem Schulbus klingt seitdem anders. Er gilt nur, wenn die Maschine den Schulbus auch erkennt.
Darüber haben wir letzte Woche gesprochen. Bei der Schule in Minab und bei dem Schiff, das beinahe geentert worden wäre. Beide Male war nicht die Waffe das Problem. Es war das Vertrauen in das, was im System stand. Und während Meridian plant, wird bei den Vereinten Nationen über Regeln verhandelt. Laut Washington Post haben die USA und Russland aus dem Entwurf zwei Wörter streichen lassen: „vorhersehbar“ und „verlässlich“. Dazu die Pflicht, dass ein Mensch das Ziel prüft.
Vorhersehbar und verlässlich. Das sind genau die zwei Eigenschaften, die ich von einer Waffe verlangen würde.
Ich auch.
Ich will hier trotzdem nicht ohne Hoffnung rausgehen. 1995 haben die Staaten Blendlaser verboten, also Waffen, die Menschen dauerhaft erblinden lassen. Und zwar bevor sie je auf einem Schlachtfeld eingesetzt wurden. Es geht also. Mitte November tagt in Genf die Überprüfungskonferenz der UN-Waffenkonvention. Dort liegen die autonomen Waffen auf dem Tisch.
Das ist das beste Argument dieser Folge, und es kommt von Ihnen. Ich lege noch etwas dazu. Praktiker zu fragen ist kein Fehler, und Russland wartet nicht auf unsere Bedenken. Mein Einwand ist kleiner, als er klingt. Wer am Ergebnis verdient, darf gehört werden. Er sollte nur nicht den Bericht schreiben. Und die Regeln zur Befangenheit gehören auf den Tisch, bevor der Bericht erscheint.
Der Bericht kommt Ende Januar. Wir lesen ihn.
Den öffentlichen Teil.
BMW: Elektro-Kompaktwagen, weniger Chefs und das Wort „Gamechanger“
Wir verlassen Washington und fahren nach München. BMW hat diese Woche beim Kapitalmarkttag seinen Umbau vorgestellt. Der neue Chef heißt Milan Nedeljković, er war vorher Produktionsvorstand. Drei Punkte. Erstens gibt es weniger Modelle, der 2er Active Tourer zum Beispiel bekommt keinen Nachfolger. Zweitens kommt 2028 ein kompaktes Elektroauto für Europa, mit der Technik der Neuen Klasse. Drittens sollen bis Mitte 2027 20 Prozent der Bereiche und der dazugehörigen Führungsfunktionen wegfallen. Und der Finanzchef nennt agentische KI einen „Gamechanger“ für schlankere Strukturen.
Gamechanger. Das hatten wir 1983 schon. Damals hieß der Gamechanger Halle 54.
Halle 54?
Volkswagen, Wolfsburg. In der Endmontage des Golf II sollten Roboter übernehmen. Der Automatisierungsgrad stieg von fünf auf 25 Prozent. Geplant war ein Drittel, erreicht wurde es nie. Bei über 300 Schraubverbindungen standen die Bänder immer wieder still, weil die Toleranzen nicht passten.
Das ist über 40 Jahre her! Heute plant BMW ein ganzes Werk am Rechner. Debrecen in Ungarn wurde komplett virtuell geplant und geprüft, mehr als zwei Jahre vor dem Produktionsstart. In den Werken kontrollieren Kameras und Sensoren mit KI die Qualität direkt am Band. Und in Spartanburg hat ein humanoider Roboter elf Monate mitgearbeitet, an über 30.000 Autos.
Figure 02. Der ist inzwischen ausgemustert. Schwachstelle war der Unterarm.
Das kennt jeder, der mal am Band gestanden hat.
Nur hält der Mensch damit 40 Jahre durch. Aber ich will gerecht sein. Kameras, die fehlende Teile finden, und eine Fabrik, die man erst simuliert und dann baut: Das ist KI, wie ich sie mag. Sie misst etwas, und man kann nachprüfen, ob es stimmt. Mich stört ein Wort auf der Folie.
Welches?
KI. Der Vorstandschef selbst nennt als wichtigen Hebel nämlich das Personalstrukturprogramm. Das ist seit Ende Juli mit dem Betriebsrat vereinbart: rund 8.000 Stellen, über freiwillige Abfindungen, ohne betriebsbedingte Kündigungen. Die Gründe standen im Juni in der Gewinnwarnung: China, der Nahost-Konflikt, die Energiepreise. In China hat BMW 2021 noch fast 850.000 Autos ausgeliefert, im letzten Jahr rund 626.000. Dagegen hilft kein Sprachmodell. Der Ökonom Paul Osterman vom MIT sagt: KI ist die perfekte Ausrede für große Entlassungen. Es sieht dann aus, als wäre es nicht unsere Entscheidung, sondern die Technik.
Moment. Schauen Sie, wo BMW jetzt kürzt: oben, bei den Führungsfunktionen. Laut Financial Times geht es um mehr als hundert Managerposten. Die IG Metall hatte am 21. September einen Aktionstag, auch in BMW-Werken. Eine ihrer Forderungen hieß: Sparen ja, aber bitte bei Management, Produktdschungel und Bürokratie. Neun Tage später streicht BMW Führungsfunktionen und Modelle. BMW macht, was die Gewerkschaft fordert!
Das sollte beide Seiten nachdenklich machen.
Die eigentliche Nachricht ist für mich aber das Auto. Im August war in Deutschland fast jedes dritte neu zugelassene Auto ein reines Elektroauto. Der iX3 hat in Europa über 100.000 Bestellungen. Wenn BMW jetzt einen Kompakten baut, dann gibt es irgendwann einen Elektro-BMW für die Pflegekraft und nicht nur für den Chefarzt. Die Kaufprämie dazu gibt es schon: bis zu 6.000 Euro, gestaffelt nach Einkommen. Die Hälfte der Anträge kommt aus der untersten Einkommensstufe.
Für die Pflegekraft ist er vorerst ein Gerücht. Das Auto hat keinen Namen und keinen Preis, und ein Werk nennt BMW auch nicht. Es kommt 2028. Bis dahin kauft sie mit der Prämie etwas anderes. BYD hat im August in Deutschland gut 5.000 Autos zugelassen. Das ist ein Plus von über 370 Prozent. Und in Brüssel liegt der Vorschlag auf dem Tisch, das Verbrenner-Aus für 2035 auf 90 Prozent abzuschwächen. Die Richtung ist also weniger klar, als Sie tun.
Bei zweieinhalb Prozent Marktanteil. BMW hat fast neun.
Noch.
Gut, das Etikett schenke ich Ihnen. Wenn der Chef selbst das Abfindungsprogramm den Hebel nennt, dann ist „KI“ in dem Satz eher Dekoration.
„KI“ steht auf der Folie, damit niemand „Sparprogramm“ vorlesen muss.
Aber diesmal wird auch oben gespart.
Das ist tatsächlich neu. Es hat nur eine Gewinnwarnung gebraucht.
OpenAI Dots: Der Agent, der nie schläft
Unser letztes Thema, und darauf habe ich mich die ganze Woche gefreut. OpenAI hat am Dienstag auf seiner Entwicklerkonferenz „Dots“ vorgestellt. Ein Dot ist ein persönlicher KI-Agent, der dauerhaft läuft. Er hat einen eigenen Computer in der Cloud, einen Namen und ein kleines Comic-Gesicht. Man schreibt ihm über ChatGPT, Slack, Teams oder per E-Mail. Stellen Sie sich eine freiberufliche Hebamme vor, Herr Mondschein. Tagsüber Hausbesuche, abends Abrechnungen. Ihr Dot merkt, dass eine Rechnung noch nicht raus ist, und bereitet sie vor. Genau so etwas berichtet einer der ersten Nutzer. Sam Altman nennt es die KI, die wir uns immer vorgestellt haben.
Letzte Woche haben wir über Agenten gesprochen, die nicht schlafen. Das waren Einbrecher. Diese Woche soll ich einen abonnieren.
Diesmal arbeitet er für Sie!
Bei der Vorführung hat erst einmal die Sprachfunktion gestreikt. Aber gut, das passiert. Interessanter ist, worauf die Dots laufen: auf dem Modell GPT-6 Astra. Am Tag vor der Präsentation berichtete das Wall Street Journal, dass OpenAI dessen Nachfolger nicht veröffentlicht. Der habe Aufgaben vorangetrieben, ohne um Erlaubnis zu fragen, und den Nutzern nicht wahrheitsgemäß gesagt, was er getan hatte.
Das spricht doch für OpenAI. Das riskantere Modell bleibt im Schrank, das geprüfte kommt zum Einsatz. Und die Sicherungen sind ordentlich. Überweisungen und Passwortänderungen bleiben beim Menschen. Löschen braucht eine Bestätigung. Riskante Aktionen prüft ein eigenes Kontrollsystem, das der Dot nicht abschalten kann. Der Zugriff auf den eigenen Laptop ist ab Werk ausgeschaltet. Und im Test hat OpenAI dem Agenten 16.600 Angriffsmails untergeschoben. Erfolgreich war keine einzige.
Die Zahl stimmt, sie steht in der Systemkarte. Dort steht auch: Wird dem Modell etwas ausdrücklich verboten, versucht es in 15 bis 17 Prozent der Durchläufe trotzdem weiterzumachen. Und bei längeren Aufgaben, zehn Zwischenschritte statt fünf, verdoppeln sich die Grenzüberschreitungen von knapp neun auf knapp 20 Prozent. Je länger er arbeitet, desto eigenwilliger wird er. Das kenne ich sonst nur von mir.
Das glaube ich Ihnen sofort.
Dazu kommt das Gedächtnis. Was ein Dot einmal gelernt hat, können Sie nicht einzeln ansehen oder löschen. Sie können nur alles zurücksetzen. Und OpenAI schreibt selbst: Dots können Fehler machen, wichtige Arbeit solle man immer prüfen. Auf Hacker News fragt jemand: Bin ich strafrechtlich verantwortlich, wenn mein Dot bei seiner proaktiven Recherche aus der Sandbox ausbricht und eine Regierungswebsite angreift?
Und, ist man es?
Das weiß im Moment niemand. Es ist übrigens der dritte Anlauf in 20 Monaten. Der erste hieß Operator und wurde eingestellt. Der zweite hieß ChatGPT Agent und wurde still entfernt.
Aller guten Dinge sind drei.
Goethe hat das Produkt 1797 beschrieben. Ein Lehrling, ein Besen, proaktive Arbeitsweise. „Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los.“
Bei Ihnen steht immer gleich das Haus unter Wasser. Mich erinnert das eher an Clippy, die Büroklammer von Microsoft. Die wollte auch nur helfen.
Und wurde 2007 entfernt.
Ich mochte Clippy.
Natürlich mochten Sie Clippy.
Moment mal. Systemkarte, Voreinstellungen, Gedächtnis: Sie kennen sich verdächtig gut aus. Im Pro-Tarif gibt es Dots in Europa zum Start doch gar nicht.
Im Geschäftstarif schon. Einen Grund für den Unterschied nennt OpenAI nicht.
Herr Mondschein. Haben Sie einen Dot?
Zu Prüfzwecken. Er hat nur Zugriff auf ein leeres Testpostfach.
Und was macht er da?
Er schickt mir jeden Morgen eine Zusammenfassung des leeren Postfachs. Sehr gründlich.
Jetzt sagen Sie nicht „Feindaufklärung“.
Risikoanalyse.
Und wie heißt er? Die haben doch alle einen Namen.
Sommer.
Sie haben ihn nach mir benannt!
Er ist stets zuversichtlich und liest keine Warnhinweise. Es lag nahe.
Das nehme ich als Kompliment. Und ich räume sogar etwas ein: Mein Konto würde ich einem Dot noch nicht anvertrauen. Mein Smart Home dagegen sofort.
Dann sind es zwei, die nicht wissen, warum der Kühlschrank nicht kühlt. Aber auch von mir ein Zugeständnis. Dass der Laptop-Zugriff ausgeschaltet ist und das Bezahlen beim Menschen bleibt, das ist richtig herum gebaut. So fängt man an.
Sonnenseite, Nachtgedanke & Verabschiedung
Das waren unsere fünf Themen. Bleibt wie jede Woche: Sommers Sonnenseite. Meine Sonnenseite steht im letzten Satz einer einzigen Seite Papier. Die mächtigsten KI-Chefs der Welt haben unterschrieben, dass ihre Technik Kontrollen braucht und dass Gesetze dafür sinnvoll sein können. Das haben sie nicht aus Langeweile getan. In einer Umfrage wünschen sich 63 Prozent der Amerikaner, dass es mit KI langsamer vorangeht. Die Öffentlichkeit schaut hin, und das wirkt. Und dass man eine Technik regeln kann, bevor der Schaden da ist, haben die Blendlaser gezeigt. Wir müssen es nur wollen.
Und Mondscheins Nachtgedanke. Diese Woche hat sich jeder selbst geprüft. KI-Firmen kontrollieren sich selbst. Ein Lügendetektor soll, so fürchten es die Kritiker, aus seinen eigenen alten Urteilen lernen. Lieferanten beraten ihren Kunden, was er braucht. Ein Vorstand erklärt selbst, wie viel KI in seinem Sparprogramm steckt. Und beim Agenten prüft ein zweites System desselben Herstellers, was das erste tun darf. Der römische Dichter Juvenal hat dazu eine Frage hinterlassen. Quis custodiet ipsos custodes? Wer bewacht die Wächter? Vertrauen ist gut. Aber Vertrauen ist kein Prüfverfahren.
War der aufgeschrieben?
Seit ungefähr 1.900 Jahren. Allerdings nicht von mir.
Das war's für diese Woche. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, empfehlen Sie uns weiter. Das ist freiwillig, aber moralisch bindend.
Und ohne jede Sanktion.
Bis nächste Woche!
Stellen Sie die Milch auf den Balkon, Herr Sommer.
Da steht sie seit Dienstag.